Vorgestellt auf der Tagung führender Notenbanker in Jackson Hole

Perfides Konzept: Kombiniert Abschaffung des Bargelds mit Verlustbeteilung durch alle Konteninhaber

31. August 2016 | Von | Kategorie: AKTUELLES, GELDPOLITIK

Jackson Hole, ein Kurort in den Rocky Mountains, ist von beeindruckender Schönheit. Durchaus vergleichbar mit Davos, dem Urlaubsparadies in den Schweizer Bergen. Die beiden Orte verbindet jedoch nicht nur die spektakuläre Bergkulisse. Beide sind auch Ort einer alljährlich stattfindenden Tagung, auf der weitreichende politische Entscheidungen vorbereitet werden. In Jackson Hole treffen sich Entscheider aus den Notenbanken der führenden Wirtschaftsnationen mit Wissenschaftlern, vor allem solchen der führenden amerikanischen Universitäten. Das Thema ihres diesjährigen Treffens lautete: Entwurf eines belastbaren Rahmens für die Geldpolitik der Zukunft. [1]

Die Banken haben ein Problem: Geld ist nichts mehr wert!

Was die Notenbanker dabei besonders umtrieb: Ihre Ware, das Geld, ist nichts mehr wert. Für kurzfristige Geldanleihen werden aktuell in der Eurozone Negativzinsen von 0,4 % erhoben, in der Schweiz sind es sogar 0,75%. Dänemark, Japan, die Niederlande und die Schweiz bieten jüngst zehnjährige Staatsanleihen nur noch zu Negativzinsen an. „Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Und mit Dingen ohne Wert geht man bisweilen fahrlässig um. Das ist beim Geld nicht anders: Wenn Bares zum Gratistarif verfügbar wird und Zinsen kein Risiko mehr signalisieren, gehorchen Investitionen laschen Regeln. Auf der verzweifelten Suche nach ein bisschen Rendite wird die Qualität eines Projekts oder Schuldners hintangestellt. Zombie-Firmen, die bei ’normalen‘ Zinsen längst untergegangen wären, werden am Leben erhalten. An den Märkten für Aktien und Immobilien bilden sich Blasen. Und die weltweite Überschuldung – ein Hauptgrund für die anhaltende Finanzkrise – setzt sich ungebremst fort, zumal ein Leben mit geliehenen Geld dank Niedrigzinsen locker zu führen ist.“ [2] Die Summe der weltweiten Staatsschulden mit negativer Rendite übertraf im Mai 2016 den ungeheuren Betrag von 10 Billionen US-Dollar [trillions im Englischen] [3].

Aufruf an die Notenbanken zur Abschaffung des Bargelds

Wenn Anleger für ihr Geld keine Zinsen mehr erhalten bzw. noch schlimmer, wenn sie negative Zinsen als Strafgebühr bezahlen müssen, kann es lukrativ erscheinen, das Geld vom Konto abzuheben und in bar zu horten. Diese Gefahr sieht auch Marvin Goodfriend, Professor an der Carnegie Mellon University, der daher in einem langen Vortrag [3] auf der Tagung in Jackson Hole die Banker in bemerkenswerter Deutlichkeit dazu aufrief, das Bargeld abzuschaffen. Dies wäre aus seiner Sicht „die unkomplizierteste Möglichkeit, die Zinspolitik der Notenbanken in Zeiten einer Nullzins-Politik nicht länger zu belasten. Die Bargeld-Abschaffung wäre effektiv, würde keine neue Technologie erfordern und auch keine institutionellen Anpassungen notwendig machen. Die Öffentlichkeit würde zwar um die vielen Vorteile gebracht, die die Verwendung von Bargeld aktuell bietet: Als ein generell akzeptiertes Tauschmedium insbesondere für die vielen Geschäftsvorfälle von geringem Wert. Als ein ohne Weiteres zugängliches, sicheres, von der Zentralbank garantiertes Zahlungsmittel. Als Wertgegenstand. Als eine Möglichkeit, die persönlichen Geldgeschäfte vertraulich abzuwickeln. Als eine Option, Geld außerhalb des Bankensystems zu besitzen und Geldanlagen in Höhe ihres Barwertes in Zeiten finanzieller Turbulenzen vom Konto abheben zu können.“

Und demzufolge, so fürchtet Goodfriend, wird die Öffentlichkeit aus all diesen Gründen gegen die Abschaffung des Bargelds Widerstand leisten – so lange jedenfalls, „bis der mobile Zugang zu Bankguthaben billiger und einfacher verfügbar wird, solange die Abhebungsgebühren für Barabhebungen an Geldautomaten nicht exzessiv teuer werden [sic! – welch eine Aufforderung!] und/oder bis ein elektronischer Ersatz für Bargeld allgemein verfügbar wird.“

Eine rein elektronische Währung, deren Wert mit dem Wert der Einlagen schwankt

Goodfriend entwickelt sein Konzept weiter: Die jüngsten Fortschritte bei den Zahlungsverfahren in Verbindung mit der weiten Verbreitung der Nutzung von Internet, WLAN und intelligenten Mobiltelefonen böten eine bequeme und kostengünstige Alternative für die Verwendung von Bargeld bei der Bezahlung an der Ladenkasse. Es wäre also gut vorstellbar, dass eine Zentralbank diese Voraussetzungen nutzt, um eine elektronische Währung als Ersatz für Bargeld anzubieten.

Sie könnte eine Währungskontenkarte ausgeben, die an ein entsprechendes Nummernkonto gekoppelt ist. Die Karte könnte ein Wertträger sein in dem Sinn, dass sie genutzt werden kann, um Waren so einzukaufen, wie man heute Waren mit einer Geschenkkarte einkauft. Die Karte könnte in dem Umfang mit Wert aufgeladen werden, wie der Gegenwert im entsprechenden Nummernkonto verfügbar ist. [sic! Überziehungen des Girokontos, wie sie heute noch möglich sind, sind damit auch gleich ausgeschaltet …]. Die entsprechende Ausstattung an den Ladenkassen zum Lesen solcher Karten und zur Durchführung entsprechender direkter Zahlungen sei heute schon in breitem Umfang verfügbar. Die entsprechenden Währungskartenkonten würden (nur) bei der Zentralbank geführt. Diese könnte also ohne Weiteres Zinsen auf die entsprechenden Kontensalden zahlen bzw. verlangen, ganz so, wie dies heute mit den Kontensalden der Geschäftsbanken (bei den Zentralbanken) geschieht.

Warum Bargeld eine Bedrohung für die Geldpolitik darstellt …

Der wesentliche Grund, warum Bargeld eine so erhebliche Belastung darstellt für die Geldpolitik in Zeiten der Nullzinsschranke, besteht nach Goodfriend darin, dass die Zentralbanken – derzeit – ihre Einlagen und Rücklagen zum Nennwert gegen Bargeld tauschen müssen. Würde eine Zentralbank dieses Prinzip aufgeben, so könnte sie Anlagen und Rücklagen zu einem dynamisch festzulegenden Preis wieder auszahlen. Das allerdings macht es – so Goodfriend – erforderlich, das Bargeld komplett abzuschaffen und durch eine rein elektronische Währung zu ersetzen, deren Kurswert sich am (schwankenden) Wert der Einlagen bemisst.
Dies hätte mehrere Vorteile: Die genannten Belastungen für die Geldpolitik durch die Nullzinsschranke bzw. Negativzinsen wären mit relativ geringem technischen bzw. organisatorischem Aufwand zu überwinden. Der Preis bzw. Gegenwert für Bargeld, das eventuell übergangsweise noch beibehalten wird, könnte relativ rasch angepasst werden, wenn dies in einer zukünftigen Krise notwendig ist [sic!] Vordringlich wäre ferner die Klarstellung, dass die Steuern fortan anhand der Einlagen bemessen würden und dass Verträge, die noch in alter, nationaler Geldwährung abgeschlossen wurden, als Bezahlung auf das Währungskartenkonto zu erfüllen wären.

Soweit der sehr knappe und ins Deutsche übertragene Auszug aus dem 38-seitigen Vortragsskript von Prof. Goodfriend.

Nur zwei Anmerkungen …

Was in den Ausführungen des Professors zu kurz kommt, sind (mindestens) zwei Dinge: Mit diesem Konzept gibt es für die Banken keinerlei Bremse, die „Märkte“ nicht auch noch weiterhin mit (nunmehr nur noch rein virtuellem) Geld zu fluten. Und zweitens: Quasi durch die Hintertür kommt der Bail-In: Es wird nämlich jeder Inhaber eines solchen Währungskartenkontos, dessen Wert ja schwankt, an den bei Fortsetzung dieser Geldpolitik zwangsläufigen Wertverlusten der Banken beteiligt.
Was für ein perfider Plan!

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Quellen

[1]   ‚Economic Policy Symposium Proceedings‘, heruntergeladen am 31.08.2016, Federal Reserve Bank of Kansas City

[2]   ‚In der Zinsfalle‘, 26.08.2016, Thomas Fuster in Neue Zürcher Zeitung
http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/internationale-geldpolitik-in-der-zinsfalle-ld.113189

[3]   ‚The Case for Unencumbering Interest Rate Policy at the Zero Bound‘,26-27-08-2016, Vortrag von Prof. Marvin Goodfriend
https://www.kansascityfed.org/~/media/files/publicat/sympos/2016/econsymposium-goodfriend-paper.pdf?la=en

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4 Kommentare auf "Perfides Konzept: Kombiniert Abschaffung des Bargelds mit Verlustbeteilung durch alle Konteninhaber"

  1. Helmut Thomas sagt:

    Ich hoffe, dass uns niemand das Bargeld nimmt. Wir wären komplett der Willkür der Banken ausgeliefert, diese können uns abzogen ohne Ende. Und wir werden zudem zu total gläsernen Bürgern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass dies irgend ein Deutscher Staatsbürger möchte. Egal welcher Politiker dies vorschlägt kann niemals ein Volksvertreter sein der vertrauensvoll für das Volk in der repräsentativen Demokratie agiert.

  2. Johnny Walker sagt:

    Hallo Herr Thomas,
    ich bewundere Ihren unerschütterlichen Glauben an unsere „Volksvetreter“! Das scheint mir angesichts der nicht enden wollenden Zumutungen an das Volk doch eher wie „laut singen im dunklen Keller“…

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