Eine Glosse mit Beispielen, wie sie das wirkliche Leben nicht schöner schreiben kann ...

Tipps zur Erstellung ergebnisoptimierter Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen

31. August 2017 | Von | Kategorie: BESCHAFFUNG AUS STEUERGELDERN

Investitionen im öffentlichen Bereich, wird uns Steuerzahlern ja ständig erzählt, seien schon deshalb unverbrüchlich „ihr Geld wert“, weil die investierende Behörde nach dem Haushaltsrecht gezwungen ist, eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (= WiBe) anfertigen zu lassen. Unsere Glosse gibt Tipps für die Autoren solcher WiBes mit Beispielen zur Ergebnisoptimierung, wie sie das wirkliche Leben nicht schöner hätte schreiben können …

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Mit diesen neuen „Tipps“ aus unserer bewährten Reihe für den Verwaltungspraktiker, wenden wir uns an die Experten, die der Auftrag getroffen hat, die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (= WiBe) für ein neues Investitionsvorhaben zu erstellen.
Sie erhalten hier das notwendige Rüstzeug und lernen in der Praxis bewährte Verfahren kennen, wie man ungewünschte Alternativen für Beschaffung bzw. Betrieb garantiert unwirtschaftlich und das politisch längst entschiedene Wunschergebnis im wirtschaftlich besten Licht erstrahlen lassen kann.

Der WiBe-Kalkulator

Zunächst einmal: Wenn Sie die Aufgabe haben, eine WiBe zu erstellen: Fürchten Sie keine allzu kraft- und geistzehrenden Arbeit! Es gibt eine wunderbare Vorarbeit – auf der Seite der IT-Beauftragten der Bundesregierung [1] in Gestalt des ‚WiBe-Kalkulators‘. Dieses Programm runterladen und installieren (schafft jeder, garantiert …) und dann die leeren Felder füllen. Den Rest macht der Kalkulator fast ganz von alleine … SIE müssen eigentlich nur noch wissen, WAS SIE ERREICHEN WOLLEN. Denn das ist es, was das Ergebnis einer WiBe bestimmt.

Das Grundszenario

Wir haben uns hier ein Szenario vorgenommen, das in der Praxis von Behörden nicht selten ist: Ein bisheriges IT-Verfahren soll durch ein neues abgelöst werden. Da das bisherige Verfahren relativ problemlos funktionierte, braucht man nicht nur den festen politischen Willen, sondern auch ein, zwei gute möglichst sachlich klingende Gründe für dessen Ablösung. Eine ergebnisoptimiert (sic!) durchgeführte WiBe kann hier der Schlüssel zum Erfolg sein, gerade wenn es mit den sonstigen Gründen nicht allzu weit her ist! Hilfreiche argumentative Vorarbeiten haben Sie oder Ihre Kollegen aus verwandten Referaten aber vermutlich längst geleistet. Und wenn nicht, werden Ihnen unsere ‚Tipps zur Erstellung ergebnisorientierter Vorstudien‘ [2] gute Dienste dabei leisten, das Ziel zu erreichen.

Die Fragen des WiBe-Kalkulators beantworten

Als erstes geht es ans Beantworten der Fragen des WiBe-Kalkulators. Der möchte von Ihnen Input haben zu drei Komplexen

  1. den Entwicklungskosten und dem Nutzen (für das neue System),
  2. den Betriebskosten und dem Nutzen – im Vergleich zwischen altem und neuem Systeme und
  3. zu strategischen bzw. so genannten Dringlichkeits-Fragen.

Sehen wir uns die Komplexe im Einzelnen an:

Entwicklungskosten und Nutzen des neuen Systems

Zu den Entwicklungskosten und dem Nutzen für das neue System: Nun, Sie sind ja kein Hellseher! Und übermäßig viel Arbeit zahlt Ihnen auch keiner.

Außerdem wollen Sie Ihr strategisches Ziel nicht aus dem Auge verlieren: Das betrifft zu allererst Ihr eigenes Auskommen und das Ihrer Kollegen: Also planen Sie eine Projektorganisation ein von zwei bis drei Jahren und sehen dafür die pekuniäre Versorgung Ihres Kernteams einschließlich Führungskraft vor, z. B. nach dem Schlüssel 1/7. Ein MA gD (=Mitarbeiter des gehobenen Dienstes) wird mit 32 Euro pro Stunde gerechnet, ein MA hD (Mitarbeiter des höheren Dienstes) mit 41 Euro. Sie werden staunen, welche Zukunftssicherheit dieser erste Posten der Kalkulation Ihnen allen beschert. Und damit das Ganze nicht so dramatisch wirkt, falls wirklich mal jemand ins Zahlenwerk schauen und nachrechnen sollte: Lassen Sie einfach die Personalkosten für ein Jahr unter den Tisch fallen …

Die folgenden Positionen, die die WiBe Ihnen abverlangt, können Sie minimalistisch behandeln. Externe Beratung gibt’s nur im ganz geringen Umfang (Sie und Ihre Kollegen können ja schließlich auch etwas …). Und wer braucht schon eine Entwicklungsumgebung oder sonstige Sach- und Hilfsmittel? Setzen Sie das alles getrost auf Null.

Im nächsten Block geht es um Hardware- und Softwarebeschaffung. Herrlich! Sie wollten schon immer mal aus dem Vollen schöpfen und einen richtig fetten Server für die neue Textverarbeitung kaufen. Planen Sie also großzügig: Mindestens 4 Cores mit Speichererweiterung, SAN-Festplatten, Oracle etc. etc. Auch wenn Hardware heutzutage nicht mehr viel kostet, sollte es sich machen lassen, zwei- bis dreihunderttausend Euro auf diese Weise einzustellen. Und nicht zuletzt verschafft eine solche (Vor-)Entscheidung auch Ihnen das Gefühl, endlich mal Macht zu haben – und sei es nur für eine kurze Zeit über den Lieferanten der Hardware.

Ähnlich verhält es sich mit der Software. Das neue System, Ihr Top-Kandidat, kostet glücklicher Weise so gut wie nichts. Solche Vorteile erzielen kluge Projektorganisationen wie die Ihre entweder, indem Sie sich einer ‚Open Source‘-Lösung zuwenden oder einem behörden-übergreifenden IT-Kooperationsprojekt anschließen. Um solche extrem wirtschaftlichen Kooperationsprojekte von Beamten zum Zwecke der Softwarenentwicklung und deren Betriebs zu ermöglichen, wurde sogar das Grundgesetz geändert [gg]! Etwaige rechtliche Hürden bei diesem Vorgehen, z.B. in Gestalt des Vergaberechts, überwinden Sie am besten mit Hilfe Ihrer Verwaltung, z.B. indem Sie die beabsichtigte Beschaffung möglichst lange geheim halten.

Allerdings wird, zusätzlich zu Ihrem Top-Kandidaten noch eine Reihe von Fremdsoftware benötigt. Hier gilt es fein abzuwägen: Bei Firmen, wie Oracle, sollte man schon auf die Kundenliste kommen – ab und an ein Besuch bei der Cebit ist schließlich eine feine Sache. Und eine Handvoll teurer Lizenzen, sagen wir hunderttausend Euro für Software, damit man auch sieht, was der Top-Kandidat eigentlich tut, umso mehr, wenn auch Kollegen aus anderen Bundesländern dessen Lieferanten immer wieder gerne finanziell unterstützen, verschafft Ihnen als Großkunden Zugang zu den jährlichen Fachkongressen Ihrer Branche. Unterschätzen Sie nicht, wie notwendig es für Ihre Psyche ist, Ihre Seele mal für zwei drei Tage an der Bar auf dem Messestand des Lieferanten baumeln zu lassen und die Abende mit netten KollegInnen zu verbringen. Erst wer das geschafft hat, gehört wirklich „dazu“!

Sonstige Kosten, für die Entwicklung bzw. Anpassung der Software setzen Sie am besten ganz klein und pauschal an. Erstens, haben Sie ohnehin keine Ahnung, was da kommen kann und zweitens soll Ihr Top-Kandidat in wirtschaftlich günstigstem Licht erscheinen: Also: Zwei bis drei Mannmonate für die Einführung des gesamten Systems und Anpassung auf landesspezifische Eigenheiten müssen reichen!

Kosten für Evaluierung, Tests oder Qualitätssicherung können Sie vollkommen vernachlässigen: Da Sie Ihrem Top-Kandidaten ja auf ein Open Source- bzw. Verbundprojekt setzen, haben andere Leute vor Ihnen dem Ding längst die Flöhe gezogen. Was Sie übernehmen, ist also beamtenmäßig fehler-geprüft und qualitäts-gesichert und stammt schließlich von Kollegen einer befreundeten Behörde: Die werden Ihnen doch nichts mit Fehlern andrehen: Insofern: Kein Kostenansatz notwendig!

Dann bleiben eigentlich nur noch die Kosten der Installation und Einführung: Installation ist kein Thema: In ein paar Tagen gemacht und mit wenigen tausend Euro ins Budget eingestellt. Die Übernahme von Datenbeständen aus dem Altsystem ist nicht vorgesehen und belastet das Budget daher auch nicht weiter. [Mehr dazu in unseren ‚Tipps zur Migration von IT-Systemen‘ [3]]. Unter der Hand können Sie ja darauf hinweisen, welch großartige Möglichkeit sich da bietet, Datenbestände der Vergessenheit anheimfallen zu lassen, die ohnehin nur die Tendenz haben, politischen Ärger zu machen. Und wer will schon Ärger???

Gleiches gilt für die Erstschulung des IT- und Fachpersonals. Und was die Einarbeitungskosten der Anwender eingeht: Woher sollen Sie wissen, wie lange diese Leute in irgendwelchen Dienststellen brauchen, um sich mit dem neuen Top-Kandidaten vertraut zu machen. Das deckt Ihr Auftrag weiß Gott nicht, also setzen Sie die Zahlenansätze auf Null und verfertigen einen leicht beleidigten Vermerk zu der Frage, was sie eigentlich sonst noch leisten sollen.

Das vorläufige Ergebnis

Kaum eingegeben, präsentiert Ihnen der WiBe-Kalkulator eine erfreuliche Übersicht: Dass für Ihren Top-Kandidaten neue Hardware und Software in der Größenordnung von rund einer halben Million Euro eingekauft werden muss, versteht jeder. Das ganze Projekt ist ja schließlich kein kleines Vorhaben!

Die internen Personalkosten (für Ihr Projektteam) sind – ooops, so ein Versehen kann schon mal vorkommen – in der Detailberechnung etwas höher, als sie in der einleitenden Übersicht aufscheinen; aber so ein redaktioneller Übertragungsfehler kann schon mal passieren. Und die restlichen Kosten der Einführung – mein Gott – was da später tatsächlich rauskommt, kann man doch bei der Aufstellung einer WiBe nicht wissen. In Summe also eine erfreulich kostengünstige Beschaffung neuer Hardware und Software, die ein Ziel auf jeden Fall erreicht: Das Überleben Ihres Teams für die nächsten Jahre ist damit gesichert!

Doch ganz stellt Sie das bisher erreichte Ergebnis noch nicht zufrieden: Denn die weit mehr als eine Million Euro allein für die Einführung sind schon ziemlich ernüchternd, was umso erschreckender ist, als Sie wesentliche Kostenblöcke – nicht ganz unabsichtlich – noch gar nicht eingepreist hatten.
Doch verzagen Sie nicht: Erfahrung im Umgang mit der WiBe und Flexibilität im Denken kann auch dieses Problem lösen.

Das Problem mit den Entwicklungs- und Anschaffungskosten

Auch das neue System kostet Geld: Ziemlich viel sogar! Denn wenn schon etwas Neues beschafft wird, möchte man gerne aus dem Vollen schöpfen: Hardware und Systemsoftware sollten vom Allerfeinsten sein. Schließlich wünscht man dem neuen System einen guten Start und eine lange Lebensdauer. Wie wir oben bereits festgestellt haben, ist es in diesem Fall nahezu zwangsläufig, dass die Entwicklungs- und Anschaffungskosten für das neue System hoch ausfallen. So könnte es auch mit Ihrem Wunschsystem passieren.

Umso wichtiger ist es, die zugegeben hohen Investitionskosten für Ihren Wunschkandidaten klein zu rechnen: Die kreative Gestaltung der Einführungs- und Betriebskosten bietet sich für diesen Zweck besonders gut an.

Ergebnisoptimierte Gestaltung der Einführungskosten

Optimierungen für das Wunschsystem

Für das gewünschte neue System ist es ein probates Mittel, die Personalkosten für dessen Einführung zu niedrig zu berechnen. Auch die prozentuale Risikopauschale, die zu allen Kosten hinzugerechnet wird, bleibt dann niedriger. Die zu niedrigen Werte übernehmen Sie in die Zusammenfassung für das Management am Anfang des Dokuments. Und damit wäre erreicht, was Sie wollen: Denn welcher Entscheider liest schon mehr als die ersten paar Seiten?! Und erst recht niemand kontrolliert – nach finaler Fassung des Gesamtkunstwerks – ob darin rechnerische oder handwerkliche Fehler enthalten sind. Dieser Trick übrigens lässt sich vielfältig in die Praxis umsetzen: Denn Rechenfehler und Übertragungsfehler aus Anlagen in die Übersichten fallen erfahrungsgemäß wirklich niemandem auf!

Verschlechterungen für das bisherige IT-System

Um das bisherige IT-System wirtschaftlich schlechter aussehen zu lassen, als es tatsächlich ist, gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Wir beleuchten hier einige, wenige, die sich in der Vergangenheit als besonders wirksam und erfolgreich erwiesen haben. Diese Aufstellung ist nicht abschließend. Die Beispiele mögen lediglich als Beispiele aus der Praxis betrachtet werden für das, was sich im harten Behördenalltag bewährt hat und zum gewünschten Ergebnis führt:

  1. Beratungsaufwand ist immer gut!
    Geht man – rein hypothetisch – von der Überlegung aus, dass das bisherige System weiter verwendet werden soll: Dann ist doch erheblicher Beratungsaufwand nötig! Wofür muss an dieser Stelle noch nicht näher spezifiziert werden. Wichtig ist nur: Der Beratungsbedarf ist hoch. Setzen Sie also einfach mal, sagen wir, 100 Beratungstage an! Zum Einzelpreis von, sagen wir, 1.800 Euro. Das gibt dann das stolze Sümmchen von 180.000 Euro, das die Kosten für den ungeliebten Kandidaten erhöht.
  2. Aufwand für ein Re-Engineering des bisherigen IT-Systems
    Sie und Ihr Fachteam, das verantwortlich zeichnet für die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung , haben zwar eigentlich keine Ahnung vom bisherigen System und seiner Technik. Das tut allerdings auch nichts zur Sache. Denn selbst der Laie weiß, dass jedes System ab und an mal gründlich überarbeitet werden muss. Die Techniker nennen das Re-Engineering. Schon der Begriff ist eine Wucht! Er klingt so professionell, dass Sie sich mit näheren Begründungen, was hier eigentlich überarbeitet oder neu entwickelt werden soll, nicht zu befassen brauchen.
    Rücksprache mit dem Hersteller können Sie sich ebenfalls sparen. Das kostet nur Ihre Zeit und bringt Sie dem Ziel nicht weiter: Und dieses Ziel heißt: Kosten auf dem Papier in sechsstelliger Höhe zu behaupten, die die angeblichen Gesamtkosten für das bisherige IT-System weiter erhöhen.
  3. Ausgaben, die schon lange mal getätigt werden sollten, auch wenn sie mit dem bisherigen IT-System gar nichts zu tun haben
    Eine weitere bewährte Möglichkeit ist es, unter der Position ‚Einführungskosten‘ für das längst eingeführte System Aufwand unterzubringen, der schon lange mal getätigt werden sollte: Zum Beispiel für den Besuch von Seminaren zur Einführung in das Vergaberecht. Dass ausgerechnet das Vergaberecht im weiteren Verlauf dieses Projekts überhaupt keine Rolle mehr spielen wird, tut nichts zur Sache. Doch der Kernspruch lautet: „Wissen, wenn nötig!. Na also! Sie wissen dann wenigstens, was im Gesetz vorgesehen ist, bevor Sie es in diesem Beschaffungsprojekt ignorieren.
  4. Verbesserung der Serviceorganisation beim technischen Dienstleister – hat zwar nichts mit dem Altsystem, aber man wird ja mal Visionen entwickeln dürfen …
    Die Projektorganisation beim technischen Dienstleister ist Ihrem Fachteam schon seit geraumer Zeit ein Dorn im Auge: Man müsste dort mal richtig aufräumen und für eine angemessene personelle Ausstattung sorgen. Das gilt natürlich ganz besonders, wenn dieses Alt-System weiter betrieben werden sollte.
    Lassen Sie Ihr Team also schwelgen in Visionen, wie die ideale Serviceorganisation ausgestattet sein müsste. Und was das kostet. Schlagen Sie diese Kosten dann allein dem IT-System zu, das abgeschafft werden soll. Damit wird dessen (weiterer) Betrieb künstlich hochgerechnet. Beim neu anzuschaffenden Wunschsystem können Sie diese Kosten unter den Tisch fallen lassen. Sollte doch später jemand draufkommen: Ein bedauerlicher Fehler! Dem hohen Zeitdruck bei der Erstellung der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung geschuldet!

Ergebnisoptimierte Gestaltung der Schulungskosten

Für das neue Wunschsystem

Man sollte von einer Wirtschaftlichkeitsbetrachtung und ihren geistigen Vätern nicht Unmenschliches verlangen! Demzufolge kann man den Schulungsaufwand für das Wunschsystem guten Gewissens erst mal mit Null ansetzen. Zum Beispiel mit der Begründung, dass die Aufwendungen für die Schulung der Anwender, die erfahrungsgemäß den größten Kostenfaktor ausmachen, noch nicht ermittelt werden konnten. Eine ebenso richtige, wie für das erwünschte Ergebnis zielführende Aussage: Damit bleibt der Aufwand für das Wunschsystem, dort, wo Sie und Ihre Kollegen ihn haben wollen: Ganz weit unten!

Für das bisherige IT-System

Für das eingeführte IT-System wurde schon seit Jahren überhaupt nichts mehr aufgewendet für Aus- und Fortbildung. Wozu auch? Es arbeiten ja hunderte von Anwendern seit Jahren täglich damit. Sie stellen allerdings fest, dass erheblicher Nachholbedarf besteht, wenn tatsächlich jemand vorhaben sollte, dieses System weiter zu betreiben und auf weitere Nutzer auszudehnen.
Nehmen Sie an dieser Stelle den Hersteller in die Pflicht: Stellen Sie Maximalforderungen für Lieferung, Aufbau und Betrieb eines eigenen Schulungssystems, für dessen Wartung mit sehr kurzen Reaktionszeiten, für die Einrichtung der jeweiligen Schulungsumgebung (Software, Datenmaterial) für jeden der zahlreichen Einzelkurse und für eine Ausbildung von Referenten und Trainern durch den Hersteller. Wenn Sie sich damit nicht belasten wollen: Überlassen Sie der zuständigen Ausbildungseinrichtung Ihrer Behörde diesen Teil der Aufgaben. Drängen Sie jedoch darauf, dass der Hersteller ein konkretes Preisangebot vorlegt. Auch wenn er protestiert und mit langjähriger eigener Erfahrung argumentiert. Was weiß schon so ein Mensch aus der „freien Wirtschaft“. Das Ergebnis, nämlich das so erzwungene Angebot, wird Ihnen gefallen. Denn es fällt in Anbetracht der Komplexität Ihrer Anforderungen sehr hoch aus. Genau das, was Sie brauchen!

Natürlich hat niemand die Absicht, diesem Angebot tatsächlich näher zu treten. Und es wird auch niemand später überprüfen, ob die Zahlen, die Sie in Ihre Wirtschaftlichkeitsbetrachtung übernehmen, noch etwas mit dem Angebot zu tun haben. Legen Sie also ruhig noch eine Schippe drauf und behaupten Sie siebenstellige Aus- und Fortbildungskosten.

Zumal Sie hohe Werte noch aus einem anderem Grund brauchen: Sie belasten nämlich nicht nur das bisherige IT-System mit exorbitanten Aus- und Fortbildungskosten. Gleichzeitig – und hier wird Ihr Vorgehen schon fast genial! – setzen Sie den gleichen siebenstelligen Betrag und einen weiteren, pauschalen Risikozuschlag auch beim Wunschsystem ein: Dort allerdings als Abzug von den bisher ermittelten Gesamtkosten für das Wunschsystem . Mit dem Argument, dass diese Ausbildungskosten (für das Altsystem) eingespart werden, wenn das Wunschsystem beschafft wird. Denn Sie müssen ja die hohen Investitionskosten irgendwie runterkriegen.

Ergebnisoptimierte Gestaltung der Kosten für die Softwarepflege

Mit dieser Kostenposition verfahren Sie ganz genauso wie mit den Schulungskosten:

Für das bisherige IT-System

… würfeln Sie sich eine Wunschzahl. Sie sollte im niedrigen siebenstelligen Bereich liegen und bezeichnet die (angeblichen) Pflegekosten für das bisherige System. Mit den seit Jahren berechneten und bezahlten Pflegekosten muss das nichts zu tun haben. Auf Ihren Ansatz für die Pflegekosten wird die übliche Risikopauschale draufgeschlagen. Mit dem so ermittelten Gesamtbetrag sollten Sie leicht zu Gesamtkosten für die Softwarepflege in der Größenordnung von zwei Millionen Euro kommen. Ein herrlicher Belastungsposten für das ungeliebte Altsystem!

Für das Wunschsystem

Und wie schon bei den Schulungskosten nehmen Sie diesen Betrag dann als Einsparungsfaktor für das Wunschsystem: Sie reduzieren also dessen Gesamtkosten um den (ja einzusparenden!) Betrag für die Softwarepflegekosten für das bisherige System.

Wie?! Sie glauben nicht, dass Sie mit diesem genialen Trick durchkommen?! Trauen Sie sich! Das hat schon in anderen Fällen funktioniert!

Das Ergebnis

Et voilà! Mit der richtigen Kombination aus

  • Rechenfehlern,
  • falsch in die jeweilige Management-Kurzfassung übertragenen Werten,
  • Kosten für das Wunschsystem, die einfach unter den Tisch fallen (wie z.B. die für Aus- und Fortbildung),
  • aus der Luft gegriffenen Aufwendungen für das bisherige System,
  • die Sie auch noch als Einsparungsposten beim Wunschsystem zur Kostenreduzierung verwenden,

schaffen Sie es mit Leichtigkeit, jedem Wunschsystem Ihrer Wahl die gewünschte bessere Wirtschaftlichkeit zu attestieren. Und damit die Entscheidung zu begründen, für die die politische Ebene Ihre Wirtschaftlichkeitsbetrachtung benötigt.

Haben Sie keine Bedenken, dass Ihre Wirtschaftlichkeitsbetrachtung in Zweifel gezogen werden könnte. Oder dass man Ihnen Fehler nachweisen und ankreiden würde. Das Ganze ist doch ohnehin nur eine Farce: Jedermann weiß, dass nur ein Papier produziert werden soll: Das dem Wunschsystem, für das die politische Entscheidung längst gefallen ist, eine bessere Wirtschaftlichkeit bescheinigt. Da alle Beteiligten genau dieses Ergebnis wünschen, wird niemand die Kühnheit besitzen, in der WiBe nach den zwangsläufig darin vorhandenen Fehlern zu suchen.

Sobald aufgrund Ihres Werkes die Entscheidung verkündet ist, kräht kein Hahn mehr nach der zugrunde liegenden Wirtschaftlichkeitsbetrachtung. Es prüft dann auch keiner mehr, ob die Annahmen, die Sie getätigt haben, sich später als richtig herausstellen. Erst Recht nicht nach mehreren Jahren! In diesem Sinne also: Nur Mut und gutes Gelingen bei der Gestaltung Ihrer nächsten WiBe!!

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Fußnoten

[a]   Dieser Artikel gehört zu einer Serie von Glossen zu verschiedenen Aspekten des Alltags in Verwaltungen und insbesondere deren IT-Abteilungen.
Jegliche Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, sowie vergangenen, aktuellen oder zukünftigen Ereignissen ist unbeabsichtigt, sollte sie sich dennoch aufdrängen, entsteht dieser Eindruck im Kopf des Lesers.

[b]   Allgemeine Tipps zur Erstellung ergebnisoptimierter (!) Vorstudien sind ja längst ein alter Hut. Sicherheitshalber fügen wir für Berufsanfänger und Fachfremde hier unserer früher schon erschienenen ‚Tipps zur Erstellung ergebnisoptimierter Vorstudien‚ bei.

[c]   Vorbereitende Maßnahmen sind auf jeden Fall zu empfehlen: Bewährt hat es sich insbesondere, das bisherige System schon Jahre vor dem geplanten Systemwechsel in der Weiterentwicklung auszubremsen und Schulung, Support und Service auf ein Minimum zu reduzieren. Ein Erlass oder ähnliches von oberster Stelle ist da sehr hilfreich.

Quellen

[1]   WiBe-Kalkulator auf der Webseite der IT-Beauftragten der Bundesregierung
http://www.cio.bund.de/Web/DE/Architekturen-und-Standards/Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen/Software/software_node.html

[2]   Tipps zur Erstellung ergebnisoptimierter Vorstudien, 24.04.2013, Police-IT
https://police-it.org/tipps-zur-erstellung-ergebnisoptimierter-vorstudien

[3]   Tipps zur Migration von IT-Systemen, 28.12.2014, Police-IT
https://police-it.org/tipps-zur-migration-von-polizeilichen-informationssystemen

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